Roxy. Berlin. Revolution

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„Romani Leadership – das bedeutet, dass wir unsere Träume und Ziele selbst in die Hand nehmen und damit nicht nur zu Vorbildern für uns selbst, sondern auch für andere werden, das gleiche zu tun.“

Picture by Chad Evans Wiatt

Es gibt einen Spruch, der sagt:

Sei selbst die Veränderung, die du in anderen sehen willst. Die Zukunft beginnt bei dir.“


Als Sinteza und Tochter einer alleinerziehenden Mutter wurde ihr sehr früh klar, dass der finanzielle Status und ihre ethnische Herkunft, starken Einfluss auf ihr Leben haben. So beginnt die Politisierung von Roxy bereits zu Hause – bei der Frage warum es „arm“ und „reich“ gibt. Mit 17 liest sie Karl Marx, ergründet zunehmend die Systeme und Strukturen die von Ausbeutung leben. Ein Satz aus dem „kommunistischen Manifest“ sollte sie fortan begleiten: Wir haben „nichts zu verlieren als unsere Ketten“. 


Für sie ist klar, dass ziviler Ungehorsam historisch zu wichtigen Entwicklungen und Veränderungen geführt hat. Die kritische Haltung der Bürgerinnen und Bürger gegenüber ihren Autoritäten ist grundlegend für eine funktionierende Demokratie – deswegen kann sie die Demonstrationen, die sie besucht hat, auch gar nicht mehr zählen: „Ich gehe demonstrieren, weil ich etwas verändern möchte – und weil es gut tut, zu sehen, dass es auch andere Menschen gibt, die bereit sind, zu handeln, auf die Straße zu gehen.“


Roxy ist Expertin für das Thema „Radikalisierung“ – diese geschieht oft auf digitalen Kanälen. Sie ist der Überzeugung, dass wir das Feld der sozialen Medien den Feinden unserer europäischen Werte überlassen. Die Wirkmacht der sozialen Medien werde immer noch unterschätzt: „Wir brauchen eigene, demokratische Propaganda. Antidemokraten und Radikalisierte Gruppen übernehmen diese Räume.“


Als Beispiel nennt Roxy die Vorgänge rund um die Wahlen in den USA: „Die Art und Weise, wie Trump soziale Medien nutzte, um gezielt Desinformation zu verbreiten, wird Schule machen – auch nach seiner Zeit als Präsident. Anstatt das Wahlergebnis mit Würde zu akzeptieren, beschädigt er bewusst das Vertrauen in die Demokratie und die Legitimität von Wahlen insgesamt.“


Das System Demokratie werde so ausgehöhlt, ad absurdum geführt mit Desinformation und antidemokratischer Propaganda. Diese käme von Gruppen, die aktiv unsere basisdemokratischen Werte aushebeln, konstatiert die Expertin und fügt hinzu:  „Wir brauchen eine europäische Demokratie. Vielleicht sogar eine globale Demokratie. Wir sollten hinterfragen, wer vom System der Nationen und Staatsgrenzen eigentlich profitiert.“ 


Es sei klar, dass manche Politikerinnen und Politiker bewusst negative Emotionen anheizten. Auch wenn Terror sich oft gegen Nationalität oder Religion richte, er sei „immer ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft und ihre Werte.“ Trotzdem würden gerade flüchtende Menschen, Asylwerberinnen und Asylbewerber seit Jahren als potenzielle Terroristinnen und Terroristen stigmatisiert. Dabei seien gerade sie es doch, die vor Terror und Krieg flüchten. Dies erinnert Roxy an die Geschichten ihrer Großeltern, die im Holocaust als „Zigeuner“ verfolgt wurden. So etwas entwickle sich nicht von heute auf morgen. Es gäbe viele Vorstufen, viele Grenzen, die zuvor erweitert, viele Tabus, die zuvor gebrochen werden, viele Stimmen, die zuvor verstummen.

„Zuerst werden Menschen ihrer Menschlichkeit beraubt, ihrer Rechte und ihrer Würde. Meine Großeltern haben mir gezeigt, dass man demütig mit Menschen umgehen muss.“


Wenn Roxy nach Moria, dem Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Lesbos, schaut, kann sie diese Demut nicht sehen. „Es scheint, wir haben aus der Geschichte nichts gelernt.“ Es macht sie traurig und wütend, wenn gestrandete, geflüchtete Menschen als „Risiko“ titutiert werden, während diese hungern und frieren.
„Die Art und Weise, wie wir mit der Vergangenheit und der Gegenwart umgehen, sollte sich genauso weiter entwicklen wie die Menschen und die Gesellschaft selbst“,  ist Roxy daher überzeugt.

Es brauche weiterhin Orte, die den Opfern, den Überlebenden und den Nachfahren als Plätze der Trauer und gemeinsamer Erinnerung dienen – physikalische Gedenkstätten sollen dabei als „historische Referenz staatlicher Verantwortung für die Zukunft“ stehen. Ideologie spiele da kaum noch eine Rolle: „Ideologie ist eine der Ketten, die man sprengen muss“, sagt sie.


Die Begegnungsorte der Zukunft sind in der Vorstellung von Roxy transkulturelle und emissionsfreie Orte des Empowerments und transdisziplinärer Bildung. Das diese Orte ökologisch selbsterhaltend funktionieren, ist der studierten Biotechnologin sehr wichtig. Sie weiss viel über Urban Gardening, Wasseraufbereitung und den Umgang mit unserer Natur. Darüber spricht Roxy aber nur nebenbei – genauso wie über die Online-Bildungsakademie für Sinte*ze und Romn*ja,  die sie gerade aufbaut, oder die Tatsache, dass sie auch in der Black Lives Matter Bewegung aktiv ist.


Das liegt auch daran, dass die ursprünglich introvertierte Roxy sich erst langsam beibringen musste, ihre Stimme zu erheben und sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Heute ist ihre Stimme stark, unüberhörbar, fordernd und leidenschaftlich – eben ohne die Ketten, die sie für sich einst gesprengt hat. Sie schmettert „F*** White Supremacy“ und stellt dann klar:

„Ich denke, es geht auch jenen Menschen nicht gut, die in einer privilegierten Position leben. Wir spüren alle, dass wir in einer Welt Leben, in der Chancen und Ressourcen ungerecht verteilt sind. Der psychosoziale Zustand unserer Gesellschaft wird ignoriert.“ 


Derzeit gründet Roxy einen Verein, der sich für Intersektionalität, Empowerment und Digitalisierung stark macht. Da gesellschaftliche Entwicklung jedoch eine transgenerationelle Angelegenheit ist, sieht Roxy die Jugend als Motor von progressiven Entwicklungen und Emanzipation – und auch wenn es länger dauert – die Revolution kommt bestimmt, davon ist sie überzeugt und zitiert Pablo Neruda: „Sie können alle Blumen abschneiden, den Frühling aber können sie nicht aufhalten.“ 


In der fernen Zukunft sieht sich Roxy mit einer eigenen Familie, Kindern, Enkelkindern. Der Revolution wird sie trotzdem nie verloren gehen: „Irgendwann, ab einem gewissen Alter, werde ich weniger kämpfen müssen – und dann werde ich anderen dabei helfen, sich selbst zu befreien.“

Info Protagonistin

Roxanna-Lorraine Witt wurde 1993 als Kind einer Sinti-Familie in Minden, Deutschland geboren.Aus dem Biotechnologie-Studium wechselte sie ins Dokumentations-und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma, wo sie bis Januar 2020 das Bildungsreferat leitete.

Sie forscht derzeit freiberuflich zu Monitoring und Radikalisierungsprozessen im Netz und arbeitet gemeinsam mit anderen Aktivist;innen an der Vereinsgründung von „save space – Verein für Intersektionalität, Inklusion, Digitalisierung und Jugendkultur“. 

Sie ist Mitgründerin der Plattform „RomaSintiWireOnline“ und zuletzt Mitorganisatorin der Protestaktion in Berlin zum Schutz des Mahnmals der im Nationalsozilismus ermordeten Sinti und Roma Europas.

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