Dalibor. Bosnien. Demokratie

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„Sind wir bereit dieser Welt entgegenzutreten und sie auf einer valideren Grundlage zu beurteilen als aufgrund von zehn-Sekunden Clips voller Hass und Propaganda?“

Dalibor Tanic

Er wollte Pilot werden. Heute ist Dalibor Tanic ein preisgekrönter Investigativjournalist und Chefredakteur des Online-Portals „Udar“. In Bosnien kämpft er gegen Korruption und für eine höhere Wahlbeteiligung.

Am liebsten hätte er Psychologie studiert. Doch die Erwartungen der Familie waren klar: Der ältere von zwei Söhnen, sportlich und überdurchschnittlich diszipliniert, sollte eine Respektsperson werden, ein Staatsheld, beim Militär. Diese Laufbahn schien ideal für ihn und tatsächlich war auch der junge Dalibor selbst, dieser Idee  zunächst nicht abgeneigt: 


“Ich war einfach immer sehr ehrgeizig – egal ob in der Schule oder beim Sport. Ich wollte immer der Beste sein, und oft ist mir das auch gelungen. Das war meine Superkraft.“ 


Ein Schelm wer jetzt denkt, er hätte sich diesen Perfektionismus zugelegt, um die gängigen Vorurteile über Roma in realis zu widerlegen. Dies wäre aus seiner Sicht „eine abermalige Reduktion auf die ethnische Herkunft“.


Mit 22 verließ er den Pfad zu einer Karriere beim Militär. Pilot wurde er keiner mehr, aber sein Wunsch für mehr Gerechtigkeit einzutreten blieb bestehen und führte Tanic später zur Profession des Journalisten, was seine Eltern nicht mit weniger Stolz erfüllte, als die ihm ursprünglich zugedachte Karriere. Trotzdem wurde wetierhin versucht, ihm das Label „Roma-Journalist“ zu verpassen. Dalibor solle sich doch auf Stories über „seiner Leute“ konzentrieren. 


Abermals erhob er sich über die Erwartungen seiner Umgebung: 2015 bekam er den Preis der Europäischen Union für investigativen Journalismus verliehen. Tanic hatte nach monatelangen, mühseligen und teilweise gefährlichen Recherchen ein ganzes Netzwerk staatlicher Korruption aufgedeckt. Trotzdem versuchten manche ihn als „Vorzeige-Roma“ zu kategorisieren. Seine Haltung dazu ist klar: 


„Ich bin ein Ehemann, ein Nachbar, ein Journalist und allem voran bin ich ein menschliches Wesen.“ 


Er wird etwas verlegen, seine Augen glänzen, als er über seine Frau spricht mit der gerade den zehnten Hochzeitstag feiert. Sie teilt seine Begeisterung für Obamas „Yes We Can.“, glaubt so wie Dalibor daran, dass wir alle gemeinsam die Welt zu einem besseren Ort machen können. Kennengelernt haben die beiden sich passender weise bei einer Konferenz für Menschenrechte. An Wahlen teilzunehmen ist für Dalibor mehr als selbstverständlich – es ist „die wichtigste Pflicht eines jeden Bürgers und einer jeden Bürgerin“: 


„Du solltest Teil des politischen Prozesses sein. Ein Bürger der wählt. Damit mehr Menschen wählen gehen, müssen wir ihnen zeigen, dass ihre Teilnahme am Prozess etwas bewirkt. Wir müssen das Vertrauen in den lokalen Communities stärken – ihren Glauben an die Demokratie,, ihren Glauben daran, dass ihre Stimme einen Unterschied machen kann.“

Dalibor sagt, dies vor dem Hintergrund der anstehenden Wahlen in Bosnien. Wahlen inmitten einer Pandemie und einer latent-aggressiven Politverdrossenheit die sich voraussichtlich in einer niedrigen Wahlbeteiligung offenbaren wird. Ein Grund mehr  für den resilienten Aktivisten, die BürgerInnen mittels Engagement einer eigens aufgesetzten Kampagne zu aktivieren. 


„Es müssen auch auf einem sehr langen Weg, die erste Schritte getan werden.“, sagt er inspiriert vom Autor Yuval Noah Harari – der den tieferen Sinn unserer Existenz erforscht. 

Im Alltag ist Dalibor ebenso praktisch wie philosophisch veranlagt, beherrscht „Neurolinguistisches Programmieren“ kurz NLP – eine Technik zur Beeinflussung via Sprache. Diese Technik ist sehr beliebt im Marketing und wird bereits seit langer Zeit von PolitikerInnen verwendet wenn Emotionen über Fakten erhoben werden sollen. 

Dalibor entschlüsselt mit seinem Wissen Propaganda die sich als Nachrichten tarnen und gezielt Hass schüren. Roma wurden während COVID-19 wieder einmal ganz bewusst angegriffen und Tanic weiss auch warum:


Die Pandemie ist der perfekte Boden für Desinformation und die gezielte Auslotung moralischer und ethischer Grenzen. Genau an diesem Punkt müssen wir uns fragen wie stark der Einfluss der Medien auf das Verhalten der BürgerInnen tatsächlich ist.“


Tanic ruft zu einer Versachlichung der Diskurse auf, zu einer Abrüstung der Emotionen und einer ordentlichen Portion Selbstkritik. Ob wir jemals in einer chancengleichen Gesellschaft leben werden, hängt seiner Meinung nach auch davon ab, wie stark wir uns unreflektiert beeinflussen lassen. Naturgemäß steht am Ende für den Journalisten Tanic eine Frage: 


„Sind wir bereit dieser Welt entgegenzutreten und sie auf einer valideren Grundlage zu beurteilen als aufgrund von zehn-Sekunden Clips voller Hass und Propaganda?“

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–> Story andi Romani Shib

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–> Autor | Skiratori | Author Gilda-Nancy Horvath

Dalibor Tanic

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