Meinung | Ioana Spataru | Rassismus als Lifestyle-Choice

read this in English : „Racism – the lifestyle choice“

 

„Gypsy“ ist das neue „Ni***-Wort“ – Rassismus der neue Lifestyle. Für die Roma heißt „Gypsy“ aber nicht Freiheit, Wander- oder Abenteuerlust.Es ist kein Synonym für „Hippie“ oder „Bohemian“, keine politische Bewegung, keine Lebensideologie und kein Halloweenkostüm. „Gypsy“ steht für Genozid, Zwangssterilisation, Vertreibung und Diskriminierung.

 

Ein „Gypsy“ ist angeblich jemand, der eine „freie Seele“ besitzt und deswegen leidenschaftlich umherwandert. Sie folgen ihren „wilden Herzen“ auf der Suche nach Abenteuern, Liebe und Musik. Zumindest laut der Definition des Lifestyle-Klischees „Gypsy“ aus der Modeindustrie – ein verzerrter Abklatsch der Vorstellung einer ethnischen Minderheit, der es als Trend auf den internationalen Markt geschafft hat.

Im 16. Jahrhundert glaubte man die Roma kämen aus Ägypten und man gab ihnen den Namen „Gypsy“, abgeleitet vom englischen „Egyptian“.

Wir kommen nicht aus Ägypten. Tatsächlich kommen die Roma, laut linguistischer Forschung, aus Indien. Wir haben uns diese Bezeichnung nicht ausgesucht. Die meisten historischen Überlieferungen über die Roma, stammen von Nicht-Roma. Die Fremdbezeichnung wurde übernommen und verbreitet.

Wir wurden in Europa als Fremde, als „anders“ empfunden.
Zusammen mit dem Begriff entstanden Stereotypen, Vorurteile und rassistische Konstrukte. Diese gipfelten in der Sklaverei und im Genozid der Roma. „Gypsy“ ist nicht einfach die englische Übersetzung des Wortes „Zigeuner“.

Die Hasspropaganda der Nazis verbreitete den Begriff. „Zigeuner“ galten in der Rassenideologie der NS-Zeit als „minderwertig“ und „asozial“.

Die Problematik dieses Begriffes ist unumstritten und doch ist „Gypsy Fashion“ ein tolerierter Teil der Modewelt.
Geschmacklose Marketingslogans wie: „Gypsy Vibes“ oder „Stay At Home Gypsy“, lassen meine Augen so weit nach hinten rollen, dass ich selbstständig eine Netzhautuntersuchung vornehmen könnte.


„Es ist doch nett gemeint!”
, lautet der Kommentar meiner Freundin beim Betrachten eines T-Shirts mit dem Aufdruck „Blame It On My Gypsy Soul!“ („Beschuldige meine Zigeunerseele!“) in einem Shoppingestablishment, das ich aus rechtlichen Gründen „Mausi City“ nenne.  Ich frage, ob die Worte „Blame It On My Nigger Soul“, genauso „nett“ sind. DAS findet sie wiederum geschmacklos. Die Bezeichnungen gleichzusetzen ist für viele Menschen zu radikal. Der positive Stereotyp wird verteidigt und verharmlost.
Es sei kein Problem das Wort „Gypsy“ zu verwenden, solange es im „richtigen Kontext“ stehe.

Der Satz: „Ich liebe die ästhetische und bunte Kultur der Neger“, ist und bleibt rassistisch.

Kontext hin oder her. Es ist lediglich eine Frage der Zeit, bis diese Bezeichnungen gleichgesetzt werden. Nicht nur in der „Mausi City“ findet man solche Waren, auch im Internet stößt man auf den „Gypsy- Trend“

„Gypsy Outfitters“, „Jungle Gypsy“ und „Gypsy Warrior“ sind online Shops die Mode- und Lifestyleprodukte verkaufen. Diese haben genauso viel mit der Kultur der Roma zu tun, wie McDonalds mit veganer Ernährung.
Hat ein Rock ein Blumenmuster und ist nicht so kurz, dass man sich beim Hinsetzen eine Blasenentzündung holt, ist es anscheinend legitim das Wort „Gypsy“ davor zu stellen.

Warum ein Traumfänger auf einmal ein „Gypsy Traumfänger“ ist, bleibt mir allerdings ein Rätsel. Da muss wohl jemand die Minderheiten durcheinandergebracht haben. Alles was nicht weiß ist, ist ja sowieso dasselbe und gehört in dieselbe Schublade.  Am besten auch noch in die Unterste. Können wir schön langsam zu dem Teil der Weltgeschichte kommen, in dem Fremdenfeindlichkeit die Ausnahme ist und nicht die Regel?

Willkommen im 21. Jahrhundert! Hier wird gendergerechte Sprache und politisch korrekte Begriffe verwendet.
Hier sollten Minderheiten nicht mit diskriminierenden Fremdbezeichungen stigmatisiert und marginalisiert werden.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass solch eine Sprache zum Völkermord führen kann. Unsere Sprache formt unsere Realität und unsere Gesellschaft, deshalb müssen Worte wie „Gypsy“ und „Zigeuner“ aus unserem täglichen Sprachgebrauch verschwinden.

Im Sinne von Karl Popper: Keine Toleranz den Intoleranten.

Drehen wir den „Gypsy“ Onlineshops den Geldhahn ab. Wer nach dem Motto MAKE FASHION GREAT AGAIN wirbt wird ab sofort mit dem Hashtag #gypsyisaracistword konfrontiert.

 

Ioana Spataru / Roma Aktivistin und Fotografin aus Wien

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