Meinung | Kolumne | Betrifft: 15. Oktober 2017 | by Gilda-Nancy Horvath

Ja. Politik nervt im Moment. Wirklich. Auf YouTube kommt man dieser Tage nicht an den Hubers vorbei, die ihre Tür nicht abgesperrt haben. Wahlslogans von stumpf bis plump. Wahlplakate einzelne und massenhaft plakatierte flattern im Wind neben den Misthaufen den Düringer vor dem Parlament abgelegt hat. Die Sprache die in diesem Wahlkampf verwendet wird ist sowieso unter jeder Würde.

Noch unwürdiger ist allerdings jener Klartext der auf die Wahlplakate geschmiert wird:

„Judensau, Hakenkreuze über Gesichtern, Dreckspack, vergasen, vernichten;“ Diese Diktion ist was zuletzt von den wohlformulierten NLP gefeilten Reden in den TV-Diskussionen übrig bleibt. Nicht nur auf Wahlplakaten, sondern auch in den Köpfen der Menschen.

Ja, Politik nervt, macht müde, macht wütend. Eine von mir sehr geschätzte, hochintelligente Freundin bat mich letzte Woche um Unterstützung, ich solle ein gewisses Thema zur Diskussion bringen:

„Warum wird den hier seit hunderten Jahren ansässigen Minderheiten nicht geholfen, während zeitgleich den Asylanten (diesen Vergewaltigern), die hier nichts geleistet haben das Geld nachgeschmissen wird?!“

Ich war wie paralysiert, traurig, schockiert. Das so etwas von IHR kam, erschütterte mich zutiefst. Ich versuchte ruhig und sachlich zu bleiben obwohl ihre These weder vernünftig ist, noch sachlich, noch faktisch. Aber mir war klar diese These beruht auf Frust und Verzweiflung. Und dieser Frust, diese Verzweiflung wird im Moment politisch erfolgreich instrumentalisiert.

Wieder liefert man den Menschen sehr einfache Antworten auf sehr komplexe Probleme. Nur heute eben im Sekundentakt mit interaktiven Reaktionsmöglichkeiten.

Ich antwortete ihr.

Erstens, sind dies 2 Themen für mich. Das erste Thema bezog sich darauf dass den Minderheiten die seit langer Zeit in diesem Land nicht oder nicht genug geholfen wird. Hier bin ich ganz ihrer Meinung. Wer Menschen helfen will, sich engagiert der hat es in Österreich dank bürokratischer Hürden und realitätsfernen Vorschriften sehr schwer.

Ich kenne diesem Kampf gegen Windmühlen selbst: Ich habe hier mehrere hochbegabte Mädchen die gerne eine Ausbildung in der Medienbranche machen möchten. Einige von ihnen haben es schon beim AMS probiert. Dokumente zusammengesucht, Dokumente verfasst, Gespräche mit dem Ausbildungsträger geführt. Zu guter letzt hat keine von ihnen diese Ausbildung bezahlt bekommen. Das ist traurig und unfair. ABER:

Diese Art von Problemen gab es aber schon vor der Flüchtlingskrise. Es gab die meisten Probleme in diesem Land schon BEVOR die so genannte „Flüchtlingskrise“ begann. Mein Problem und all diese Probleme wären auch dann noch da, wenn sich plötzlich alle Flüchtlinge in Luft auflösen würden.

Niemand würde sagen: DA schau her, das Geld, dass wir jetzt den Flüchtlingen nicht geben bekommst du und du und du. Dieses Problem hat einfach faktisch nichts mit dieser größten Menschenrechtskrise seit dem 2. Weltkrieg zu tun.

Zweitens – wenn es einen kausalen Zusammenhang gäbe im Finanzfluss zwischen geflüchteten Menschen und Roma  – denn es nicht gibt – so bin ich unter allen Umständen dagegen den Wert von Menschen gegeneinander aufzuwiegen. Wo endet so etwas denn? 2 Tiroler sind mehr wert als 2 Kärntner? 2 Metallarbeiter mehr als 2 Büroangestellte? Wir sprechen von Menschen. Ich bin nicht bereit ihren Wert gegeneinander aufzuwiegen. Nein.

Ich endete gegenüber meiner Freundin mit einem Satz der anscheinend heutzutage bereits als linksradikal gilt: „Meiner Meinung nach sind alle Menschen gleich viel wert.“

Sie schrie mich an:“Aber das stimmt nicht! Du hast nur Angst davor ins rechte Eck gestellt zu werden“.

An diesem Punkt endete die Konversation. Ich wollte ihr nicht erklären, dass ich durchaus viele Menschen schätze die konservativ sind und die den Unterschied zwischen konservativen Werten und Faschismus sehr wohl kennen. Dass ich diese Menschen als harte Diskussionspartner schätze und dass ich rechtskonservativ eben nicht pauschal ohne den Kontext zu kennen mit Faschismus assoziiere.

Abends im Fernsehen werden Teilnehmer einer Demo in Berlin gezeigt. Sie demonstrieren gegen die Abschiebung von Menschen in ein so genanntes „sicheres“ Herkunftsland. Abseits davon, dass diese ganz sicher nicht sicher sind auch noch ein Kommentar von einem Freund dazu: „No des san depatt, demonstrieren wegen a boa Hansln vom Kosovo. Schee bled.“  Ich blieb wieder ruhig. War aber irgendwie traurig. Ich antwortete:

„Weisst du, dass es Zeiten gab in denen wir, unsere Leute, auch auf der Flucht waren? Da wurde auch gesagt wir würden das Geld kosten, das, das arme (arische) eigene Volk im Land braucht. Die Menschen die damals für uns demonstriert haben, vor unserer Deportation, die wurden auch als dumm und asozial bezeichnet. Ist dir das klar?“

Es war ihm bis zu dieser Sekunde nicht klar. Es ist anscheinend Einigen nicht klar, dass wir alle unter der selben Sonne leben. Dabei ist sonnenklar war derzeit in Europa passiert.

Die Politik soll den Menschen dienen. Sie soll sie nicht gegeneinander ausspielen. Die Politik soll Lösungen im Sinne der Gesellschaft und im Rahmen der Demokratie und Menschenrechte finden, nicht einfach den Schwächsten in diesem System die Schuld geben.

Am 15. Oktober sind Wahlen in Österreich. Die Politik macht viele Fehler. Aber wir, das Volk machen regelmäßig den größten Fehler von allen. Wir schweigen. Wir gehen nicht wählen. Weil wir genervt sind, frustriert sind, schockiert sind, resignieren.

Wer schweigt stimmt zu.

Stimmt bitte dem was hier passiert nicht zu, indem ihr schweigt.

Geht wählen. Nutzt eure Stimme. Bitte.

 

Kolumne von Gilda-Nancy Horvath 

Journalistin, Aktivistin, Freigeist

Chefredakteurin von romblog.at

 

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