Filmkritik | „Valentina“ von Laura Moldovan

 

Romanes | Românesc

 

 

Wie es zu dem Film kam ist schnell erzählt:

Inspiriert von einer Zeile aus einem Rilke-Gedicht: “Armut ist ein großer Glanz aus Innen”, machten sich 2013, Maximilian Feldman und Luise Schröder, beide StudentInnen des Filmfaches, auf die Suche nach Protagonisten in Skopje, Mazedonien. Dort scheitern sie daran, dass die angefragten Personen aufgrund der niedrigen Gagen und ihrer Abneigung gegenüber Armuts-Tourismus nicht mitmachen wollten.  Nach fünf Wochen begegnet den Filmemachern ein bettelndes Mädchen und erzählt über ihren Vater, der schon einmal in einem Emir Kusturica Film mitgespielt hat. Daraufhin kontaktieren sie die Familie des Mädchens und einigen sich auf eine Aufwandsentschädigung in Höhe von 11000 Denar (150 Euro) und die Versorgung mit Lebensmitteln für die Zeit des Drehs.

 

„Sie sind zu uns gekommen, zu armen Leuten, um zu sehen wer wir sind und es den anderen zu zeigen“

 

sagt Valentina, aus deren Perspektive der Film gezeigt und kommentiert wird. Dieses Zitat zeigt, dass der Roma-Familie sehr wohl bewusst ist, dass sie als negatives Beispiel gezeigt werden und sie dies ihre Würde kosten wird. Der Hunger und die Armut zwingen sie aber dazu, die Abmachung zu akzeptieren. Nun beginnen die Dreharbeiten: zwölf Personen, drei Generationen, in einem einzigen Zimmer. Gedreht wird in Schwarz-Weiß um das elende Umfeld zu ästhetisieren, so werden Müll und Dreck zwar weniger sichtbar, dafür scheint alles noch trauriger, die Energie und Vitalität der Figuren verblasst.

 

Die Regisseure übertragen die große Verantwortung des Filmkommentars an die schlaue und witzige Valentina Demaili. Die 10-Jährige Tochter, führt naiv und unschuldig durch den Film, auch in den respektlosen und herablassenden Szenen. Dabei wird immer davon ausgegangen, dass die Familie keine Chance hat, ihrer Situation zu entkommen.  Aus den ausgewählten Szenen bei der Montage und Valentinas Kommentar, wird das Porträt jedes einzelnen Familienmitgliedes wie folgt suggeriert:

 

Ferdi: Durch Valentinas Beschreibung, wird er als eine verrückte, sehr aggressive Person dargestellt.

Mutter Naile: Sie ist eine starke Frau, wird aber stellvertretend für die generelle Darstellung von Roma-Frauen in Filmen gezeigt: Vollblut Mutter, un-emanzipiert, ruhig, sowohl ihrem Mann als auch seiner Familie unterwürfig. Ich empfinde diese Charakterisierung als eine Erniedrigung der Frau im Allgemein.

Jasmina: Auch sie wurde portraitiert, obwohl sie bei den Dreharbeiten gar nicht anwesend war. Ihre Hochzeitsfotos werden aber dafür benutzt, auf der Negative Klischee der Zwangsehen aufmerksam zu machen.

Ramizze: Aus Valentinas Beschreibung ergibt sich, dass sie oberflächlich sein soll.

Vater Asim: Er ist für die Familie verantwortlich. Er sammelt Sperrmüll und schickt seine Frau und seine Kinder zum Betteln. Als Familienoberhaupt ist er somit derjenige, auf dem man mit dem Finger zeigt.

Opa: Einst das Familienoberhaupt, ist er im Film durch seine Laster (das Rauchen) porträtiert.

Valentina: “Die Ärzte haben einen Fehler gemacht. Ich sollte eigentlich ein Bub sein.” Der Film fängt mit diesen Worten von Valentina an. Den Zuschauern wird absichtlich die Idee vermittelt, dass sie sexuell desorientiert ist, was bei einem 10-jährigen Kind absurd ist. Sie verwendet harte Worte für ein Kind in ihrem Alter. Wer die Sprache der Roma nicht kennt, könnte meinen, Valentina sei eine gewaltsame Person. Eigentlich spricht sie damit nur ihre Liebe aus. Sie kennt sich gut aus in Sachen Geld und glaubt, es sei die Lösung aller Probleme auf der Welt. Sie träumt davon in einem Film mitzuspielen. Max und Luise verwirklichen ihren Traum. Sie freut sich, dass sie die Hauptrolle hat, realisiert aber nicht, welche Folgen dieser Film auf ihr Familienbild haben kann.

Es hat mich gestört, dass der Film zeigt, dass Asim und Naile das Geburtsdatum ihrer Kinder nicht kennen. Das finde ich sehr herabsetzend für die beiden und es hat auch mit dem Thema des Filmes nichts zu tun. Am meistens hat mich die Szene gestört, in der Vater Asim die Hühner schlachtet und der kopflose Körper noch immer zappelt und fliegt. Diese Szene hat mir ein unangenehmes Gefühl gegeben.

 

Die Regisseure verlangen von Valentina und Ferdi, dass sie die geschlachteten Köpfe in der Hand halten, damit sie besser filmen können, und die Kinder fangen an damit zu spielen. Diese Szene stimmt mit dem Thema des Films nicht überein, die Regisseure haben sie trotzdem als eine der ersten Szenen im Film gewählt.

 

Sie finden die Szene repräsentativ für die Roma Familie, in Bezug auf Magie, wofür geschlachtete Hühnerköpfe verwendet werden. Als Romni, halte ich es für sehr beleidigend, dass die Zugehörigkeit zu Roma-Ethnie auf diese Art symbolisiert wird.

Warum kommt im Film die Szene mit der Bezahlung überhaupt vor? Wollten die Filmemacher sich damit rechtfertigen und zeigen, dass sie die armen Menschen eh schon dafür bezahlt haben? Solch eine brutale Darstellung der Intimität ist unbezahlbar.

Letzten Endes verfolgt die Regisseure anscheinend das schlechte Gewissen. Sie brechen selbst mit Rilkes Zitat, indem sie Tucholsky zitieren: „Armut ist eben gewiss kein hoher Glanz von Innen, sondern eine einzige Sauerei”.

 

Sie organisieren Solidaritätsaktionen und sammeln Spenden, renovieren das Haus der Familie und werden sogar Paten eines Kindes der Familie. Sehr schön! Aber dies hilft nur kurzfristig, der Film und die negative Darstellung darin wirken jedoch nachhaltig. Und was wird mit den anderen Familien aus der Shutka passieren, die in derselben Situation leben?

 

Dieser Film ist ein großes Hindernis dafür, sich eine bessere Zukunft zu schaffen. Nur mit großen Schwierigkeiten können sie aus dieser Scham herauskommen und sich ihre Würde wieder erkämpfen. Die zwei Regisseure haben durch das negative Bild der Familie, das Elend und die Primitivität absichtlich akzentuiert. Auf diese Art und Weise klassifizieren sie nicht nur die Demailis, sondern die ganze Roma-Ethnie pauschal in die unterste Gesellschaftsschicht.

 

Die Nicht-Roma betrachten diesen Film als ein Kunstwerk. Aber ich als Romni finde, dass er eine Diffamierung ist.

 

Es ist nicht der erste und vielleicht auch nicht der letzte Film, der uns herabsetzt. Menschen wie Maximilian Feldman und Luise Schröder sind mitverantwortlich dafür, dass sich die Meinung der Gesellschaft über Roma sobald nicht ändern wird. Wir werden immer auf dieselbe negative Art präsentiert, als armes und primitives Volk. Man nimmt den Menschen mit solchen Filmen die Möglichkeit, die Roma authentisch kennenzulernen, so werden wir nie akzeptiert und als respektwürdige Personen anerkannt. Dieser Film hilft niemandem, verstärkt die Vorurteile und macht es den Nicht-Roma noch schwerer, die Lebensrealität der Roma zu verstehen.

Lasst uns unsere Geschichte selbst schreiben, selbst zeigen und selbst erzählen!

 

zum Filmtrailer

 

„Valentina“

Regie: Maximilian Feldman und Luise Schröder
Dauer: 51 Minuten
Protagonisten: Familie Demaili
Erscheinung: 2016, Deutschland

SCHNITT GREGOR BARTSCH & MATTHIAS SCHARFI

TON OSCAR STIEBITZ | SOUND DESIGN OSCAR STIEBITZ

MUSIK OLIVER OLE

FRIESPRODUKTION LUISE SCHRÖDER & MAXIMILIAN FELDMANN

HOCHSCHULE FILMAKADEMIE BADEN-WÜRTTEMBERG

Auszug Preise: Baden/Württembergischer Filmpreis 2016 |First Steps Award der Berlinale 2016 | International Documentary Award des Wiener Dokumentarfilmfestivals Ethnocineca.

 

 

Kritik von Laura Moldovan

Marcela Laura Moldovan (30)  schreibt ab sofort Filmkritiken für romblog.at.

Sie beschäftigt sich vor allem mit Filmen über Roma die sehr oft nur von der Mehrheitsgesellschaft produziert und reflektiert werden. Laura will diesen Filmen mit einer von Roma selbstgeprägten Perspektive begegnen.

 

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